Vorfreude auf neue Werkstatt

Orthopädie-Techniker in Afghanistan fertigen bald mit deutschen Spendengeräten Prothesen an

In der orthopädischen Werkstatt der Auguste-Viktoria-Klinik schauen sich (von links) Matthias Thiesmeyer (Amyal), Wali Nawabi, Elmar Bitter, Petra Thiesmeyer (Amyal), Günter Womelsdorf und Doris Horn eine Absauganlage an. Die bisherige soll bald in der Werkstatt in Kabul aufgebaut werden und dort für den entsprechenden Schutz der Mitarbeiter sorgen. Foto: Viola Dietrich

Von Viola Dietrich

Bad Oeynhausen (WB). Es sind hauptsächlich Patienten mit Minen- und Kriegsverletzungen, die in der orthopädischen Werkstatt von Wali Nawabi in Kabul behandelt werden. Ein Transport mit Maschinen der Auguste-Viktoria-Klinik (AVK) ist derzeit auf dem Weg nach Afghanistan (das WESTFALEN-BLATT berichtete).

Gestern hat Wali Nawabi die AVK besucht. Es werde wohl noch mindestens eineinhalb Monate dauern, bis die Lkw mit der Ladung aus Deutschland in Kabul ankommen. »Ich hoffe, dass wir im Dezember die erste Prothese mit den Maschinen anfertigen können«, berichtet Wali Nawabi. Im Jahr 2003 hat er eine kleine orthopädische Werkstatt in der afghanischen Hauptstadt eröffnet. »Wir haben ganz klein angefangen. Mit normalen Handwerkszeug haben wir Prothesen gebaut. Mit den Jahren ist die Werkstatt immer größer geworden«, berichtet der Orthopädie-Techniker, der selbst 22 Jahre in Deutschland gelebt und hier seine Ausbildung gemacht hat. Die Werkstatt in Kabul hat derzeit 20 Mitarbeiter, davon 17 Techniker.

Ende Mai ist an der Auguste-Viktoria-Klinik ein Lkw mit ausgedienten, aber auch mit neuen Maschinen beladen worden. Hintergrund ist, dass die Klinik im vergangenen Jahr eine neue technische Orthopädie eröffnet hat und somit die bisherigen Geräte zur Verfügung standen. Wali Nawabi: »Das sind alles Maschinen, die wir gut gebrauchen können.« Federführend begleitet wurde das Projekt von Amyal, einer in Bad Oeynhausen gegründeten Hilfsorganisation. »Bei jedem Besuch hat sich die orthopädische Werkstatt in Kabul wieder verändert«, berichtet die Löhnerin Doris Horn, die erst vor sechs Wochen das letzte Mal in Afghanistan war.

Wali Nawabi passt einem Patienten, der Opfer einer Mine wurde, in der Werkstatt in Kabul eine Oberschenkelprothese an.

Für Wali Nawabi sind die Geräte aus Deutschland ein Segen. Unter anderem sollen in seiner Werkstatt eine Absauganlage für Späne und Gase sowie eine Schleifmaschine wieder in Betrieb genommen werden. Die Fracht hat einen Neuwert von etwa 150000 Euro. »Bisher haben wir mit selbst zusammengebauten Maschinen oder einfach per Hand gearbeitet. Das lässt aber nur eine begrenzte Präzision zu«, erzählt der gebürtige Afghane. Elmar Bitter, Leiter der Technischen Orthopädie der AVK, ergänzt: »Mit den neuen Maschinen können die Mitarbeiter nun fast alle Arbeiten verrichten. Es haben sich sehr viele Leute engagiert, um dieses Projekt umzusetzen.« Dafür hat es allerdings auch einige Jahre an Vorbereitungszeit benötigt. Neben der Werkstatt in Kabul existiert eine weitere in Kundus. Dort wird allerdings überwiegend repariert.«

»Wir arbeiten anders als in anderen Werkstätten. Unsere Prothesen sind fast auf westlichem Standard und ähnlich wie die in Deutschland«, sagt Wali Nawabi. Die meisten Patienten kämen aus Kabul und der Umgebung und seien Kinder oder Jugendliche. »Wir fertigen dann Bein- und Armprothesen aller Art an.« Im vergangenen Jahr waren es mehr als 400 Patienten, die in Kabul vom Team der Werkstatt versorgt worden sind. »Für manche ist der Weg zu uns beschwerlich, sie werden teilweise auch getragen, weil sie nicht alleine gehen können. Für Günter Womelsdorf, der die Werkstatt in Afghanistan ebenfalls schon besucht hat, ist sie auf dem Stand seiner Lehrzeit. »Das war 1963«, sagt der ehemalige Leiter der technischen Orthopädie der August-Viktoria-Klinik.

Viel Engagement investiert Wali Nawabi auch in die Ausbildung neuer Orthopädie-Techniker. »Wir bilden jedes Jahr Jugendliche aus.« Derzeit hofft er, bald auch mit der Ausbildung von vier Frauen beginnen zu können. Denn Patientinnen dürfen nur von Frauen behandelt werden. Eigentlich. »Wir haben im vergangenen Jahr auch Frauen behandelt, allerdings brauchen wir dann die Zustimmung der Familie. Das ist ein sehr sensibler Bereich.« Durch die Unterstützung aus Deutschland kann Wali Nawabi die Eröffnung einer weiteren Werkstatt in Angriff nehmen. »Es wird gerade ein Container zu einer Werkstatt umgebaut, die bald in Bamiyan stehen soll. Mit den bisherigen Maschinen aus Kabul können dort dann vor Ort Reparaturen vorgenommen werden.« Denn viele Opfer des Krieges improvisieren bei Verletzungen und behelfen sich mit selbst zusammengesuchten Materialien. »Denen können wir dann zumindest etwas helfen.«

 
Pfeil zurück 1