Gasteltern für Sara

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Amyal sucht Gasteltern für die siebenjährige Sara, die zur Operation nach Erfurth kommt…

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THÜRINGER ALLGEMEINE vom 08.09.2011, S. 16

Lokales

Chance für ein normales Leben

Der Verein »amyal« sucht Gasteltern für die siebenjährige Sara aus Afghanistan, die zur Operation nach Erfurt kommt. Das schwer verletzte Mädchen soll im Katholischen Krankenhaus behandelt werden

Von Esther Goldberg

Erfurt. In der Küche von Birgit Raub steht ein Kinderbild. Das ist nichts Ungewöhnliches für eine Mutter. Doch das Foto zeigt nicht die inzwischen 19-jährige Tochter Johanna oder den 21-jährien Sohn Michael. Aus dem Bilderrahmen lacht der kleine Roman aus Afghanistan in den Raum hinein. Roman geht inzwischen in dem fernen Kabul in die Schule. Spielt mit seinen Geschwistern. Läuft über die Straßen. Vor fünf Jahren lag er im Sterben. Ein Lkw war über sein Bein gefahren, die Wunde infizierte sich, ein Knochen im Unterschenkel war regelrecht weggefault. Diese Geschichte erzählt sich schwer. Und das Foto von dem schwerstkranken Jungen ist für manche nur zu ertragen, weil sie wissen, der Junge ist heute wieder fröhlich. Damals kam er über einen Verein aus Mülheim an der Ruhr nach Erfurt. Birgit Raub, die 44-jährige Krankenschwester, und Kathrin Quensel, die 38-jährige Bilanzbuchhalterin, haben den Jungen in Erfurt betreut. Vier Jahre war er damals alt. Birgit Raub saß während ihres Nachtdienstes oft an seinem Bettchen. »Er wäre ohne die Operationen gestorben«, weiß Kathrin Quensel. Birgit Raub nickt. Zwei Jahre lang musste er im Katholischen Krankenhaus behandelt werden, ehe er wieder nach Hause zu seiner Familie reisen konnte. Also brauchte er auch hier vertraute Menschen, die seine Liebe zu den Eltern unterstützten und ihm in der Erfurter Fremde ein wenig Geborgenheit gaben. Die beiden Frauen nennen diese Hilfe für verletzte afghanische Kinder ein Miteinander über Religionsgrenzen hinweg. In Hochheim haben sie bei Raubs am Tisch kein Kreuz geschlagen, um den Kleinen nicht zu irritieren. Ihr Gott hat das verstanden, meint Birgit Raub. Plötzlich springt sie auf und holt einen künstlichen Blumenstrauß aus dem Nebenzimmer, obwohl sie Künstliches eher nicht mag. Aber dieser Strauß ist von den Eltern des kleinen Roman. Sie war unlängst dort und hat die Familie besucht. »Ich glaube, wir sind befreundet«, sagt die Krankenschwester heute. Kathrin Quensel kann nachempfinden, dass die Familie in Hochheim so intensiv an den einst so schwer kranken Jungen denkt und Kontakt zur Familie hält. Sie hat einige Zeit die kleine Roina aus Afghanistan mit betreut, nachdem die im Helios-Klinikum ihrer schwersten Brandverletzungen wegen behandelt worden war. Inzwischen geht das Mädchen in ihrer Heimat zur Schule. Genau wie Roman. »Wir können nicht die Welt retten, aber helfen.« Die Eltern dieser Kinder könnten für die Schule kein Geld aufbringen. Finanziert wird das Lernen deshalb von den beiden Frauen des Vereins »amyal«. Amyal heißt auf Deutsch »Hoffnung« und »Wunsch«. Genau darum geht es dem Verein: Hoffnung zu geben in einem Land, in dem bis heute geschossen und gemordet wird. »Warum helft ihr dort, es gibt wahrlich auch andere Möglichkeiten«, wird Kathrin Quensel manchmal vorgehalten. Eine merkwürdige Frage. Warum denn nicht besonders dort, wo Kinder leiden müssen unter Krieg und Taliban? Auf diese Gegenfrage gibt es keine gute Antwort. Höchstens Ausreden. Ausreden aber lassen die beiden nicht zu. »Wir können zwar nicht die Welt retten, das wissen wir. Aber wir können einem kleinen Kind helfen«. In den nächsten Tagen zum Beispiel. Die siebenjährige Sara wird das erste Kind sein, das über »amyal« nach Erfurt kommt und nicht mehr über den Mülheimer Verein. Das Kind wurde von einem Auto überrollt, 300 Kilometer nördlich von Kabul. Sie hatte Glück, denn sie kam in ein Bundeswehrkrankenhaus. Dort konnten sie die Kleine notdürftig versorgen. Operiert und geheilt wird sie innerhalb von etwa sechs Monaten im Katholischen Krankenhaus. Die Zusage dafür hat der vor einem Jahr gegründete Verein »amyal« bereits bekommen. Ohne diese Behandlung in Erfurt müssten dem Kind beide Beine abgenommen werden. Für eine Frau in Afghanistan würde das einem Todesurteil gleichkommen. Nun sucht der Verein eine Gastfamilie, die sich während dieser sechs Monate um die kleine Sara kümmert. Zunächst im Krankenhaus, später auch zu Hause. Bis sie wieder in ihre Heimat fliegen kann. In Erfurt wäre sie am besten in einer Familie aufgehoben, in der Schulkinder leben oder aber die Kinder bereits erwachsen sind. Denn zumindest in den ersten Wochen wird sie nicht viel herumtoben können. Wohl aber die deutsche Sprache lernen. Roman jedenfalls nennt Birgit Raub in feinstem Erfurter Slang »Mama Deutschland«.

 
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